Kameradschaft
Kamerad? Was ist dies für ein Wort? Es ist ein Name, gültig für alle. "Du" heißt seine Bedingung, Vertrauen sein Unterpfand. Kennen sich diese Männer denn hier überhaupt? Sie haben einander geholfen, Hand in Hand gearbeitet, schlecht und recht in ihrem Kasernendasein, sie haben Ihre Schwächen gegenseitig erspürt und ihre guten Seiten. Sie kennen einander, ja, aber in ihre Herzen haben sie sich gegenseitig nicht geblickt. Und nun tritt wie eine werbende Frage dieses Wort an sie heran: Kamerad!
Nun sollen sie nicht mehr nur den Wasserrest ihrer Feldflaschen miteinander teilen, sondern auch zusammen durch jenes Tor gehen, hinter dem vielfältig das Sterben wartet und der Schmerz der Wunden. Hörst du den Tod, Kamerad? Vor uns im freien Feld und in den Talsenken, von dessen wir nichts sehen, klopft er ohne Unterlass. Längst ziehen nicht mehr seine Geschosse über unser Waldstück hin. Jetzt sitzen sie wohl besser. Die da vorn wissen schon, wie der Tod aussieht, sie stehen ihm Aug´in Aug´gegenüber. Sie wehren sich seiner schon. Sie laden, zielen, drücken ab. Und wir warten noch hier. Aber auch wir stehen bereit. Wir sind stärker als die da vorn, die uns nur decken und alamieren, die unsere Patrouillien sind und unsere Augen und Fühler. Wir sind nicht gefesselt. Ein Befehl wird uns aus den Worten erlösen. Wir sind nur wenige. Aber dort, hinter uns, im Talkessel wartet die Kompanie, vor der wir ins Gefecht gehen. Vorher. Wir sind die nächsten. Wie fiebern wir alle, den schwächeren Kameraden da vorne den Rücken stärken zu können. Und unser Regiment, zwölf Kompanien, und unsere Brigaden und Divisionen, sie alle sind schon einsatzbereit formiert, aufmarschiert. So flattern die Gedanken und Fragen, stummen, heiß vor Erwartung, zitternd vor Erregung - Bis auf die große, stumme Frage nach der Kameradschaft eine erste wunderbare Antwort wird:
Kommt einer herangehinkt von dort, wo das Feuer quirlt, schleppt sich fast mehr als dass er geht, nimmt langsam Schritt um Schritt. Ach - Keine Ordonanz, ein Verwundeter! Mit hängendem, blutendem Arm will er über das freie Feld. Jetzt ist er schon in der Höhe des Waldstückchens, da verhält er den tastenden Schritt, dreht ein wenig bei und kommt nun direkt auf das Wäldlein zu. Er hat zwischen den Bäumen die Soldaten gesehen. Er ist wohl von der Nachbarstruppe, keiner kennt ihn. Nun macht er den Umweg, vergisst seinen Schmerz, sein eigenes Leid - oder will er Hilfe? - Wie das rote Nass ins trockene Gras tropft! Unter den vierundzwanzig ist kein Sanitäter, darum haben zwei, drei schon ihre Verbandpäckchen herausgerissen. Nun steht der Fremde, unbekannte Soldat schon im Wald, aber mit seinem gesunden Arm lehnt er ab: Nicht soll ihm geholfen werden, selber will er helfen!
Wie bleich sind seine Lippen, die er nun zum Sprechen formt. Langsam weist seine Rechte nach vorn, wo das Feuer ist. Unablässig tropft das Blut aus seinem linken Ärmel: "Hier vorn, in der Talsenke - Kameraden !" Wie grell, fremd, hart ist die Stimme. Wie brüchig formen sich die Worte, die er jetzt in die Warnung zwingt: "Kameraden! Französische Artillerie ist aufgefahren. Feuert mit direktem Schuss! Sie grast sofort das ganze Waldstück ab. Batterieweise, und ihr liegt noch darin! Auseinander jetzt!" - dann fällt der feldgraue Mann vornüber und ist tot. Wie? Bloß weil ihm der Arm blutete? - Nein!
Auch durch den Waffenrock sickert jetzt der rote Lebenssaft. Die Soldaten, die dem Gefallenen die Uniform aufreißen, haben feuchte Hände, fleckig und rot. Da liegt nun der Unbekannte Soldat, Sein Waffenrock ist noch neu. So, wie es alle Uniformen sind von denen, die ihn umstehen. Sein Lederzeug ist noch so braun und frisch wie er es in der Heimat empfing. Nur die Waffe ließ er vorn, sie war ihm zu schwer. Ganz kleine ist sein Gesicht geworden, und aus dem Weiß seiner Augen schillert der Schlaf, der Stumm und Ewig ist und ohne Traum. Nun wissen es alle: Der Tot sthet im Wäldchen. Er sah sich einen Augenblick suchend um und ging vorüber. Nur diesen einen unbekannten Soldaten ließ er zurück. Ihn hat der Tod nicht hindern können, dass er mit dem Rest seiner Stimme die Kameraden warnte. Jetzt spritzt schon ein Kommando auf, der Vizefeldwebel lässt nach rechts heraus schwärmen. Und wie von der Sehne geschnellt, exerziersmäßig und vollendet, bricht die Gruppe aus dem Waldstück hervor. Ein "Rechtsum, Marsch-Marsch!" Löst sie aus dem gefährlichen Bereich. Nun liegen die Linien locker im Felde, weit ab vom Wald, das Ziel sein wird, der feindlichen Artillerie in den nächsten Augenblicken. Nur der Tote ist zurückgeblieben im Wald, einsamer Wächter und Warner. Mit dem Kommando des Vize wurden alle Gedanken, Sentiments, Überlegungen zerfetzt. Draußen im Grase, das noch heiß ist von der Sonne, liegt der Halbzug in Schützenlinie. Schau: Das ist der Kameraden Blut! Auf den Grasspitzen hier! Es ist schon getrocknet. Und nun gibt es bereits das Schicksal dem unbekannten Soldaten recht: mit einem heiseren, hohlen Heulen bricht die erste Salve der französischen Artillerie in das Waldstück ein. Vier, fünf, sechs Granaten schlagen in krachenden Schnellfeuer zwischen die Stämme, fegen das Unterholz hinweg, zerfetzen Zweig und Geäst. Sausend spritzen die Splitter bis hinüber ins freie Gelände. Wild und wütend pflügt die Pflugschar des Todes denselben Boden, wo eben noch die vierundzwanzig gelagert. Ein Überfall aus berstenden Stahl peitscht durch die Tannen und Kiefern, reißt die Muttererde auf, die prasselnd zum Himmel steigt. Der trockene Boden des Waldes rauscht in einer Säulenfront, die zum Himmel wächst. Viel kann keiner überlegen und denken von dem Halbzug, den ein Kommando in letzter Minute hinausgerettet auf das freie Feld. Aber vor jedem einzelnen steht der Unbekannte Soldat, der mitten im Sterben war, als er noch an seine gefährdeten Kameraden dachte. Sein leztes Fühlen galt nicht seinem Schmerz. Vielleicht hatte er Frau und Kinder, zumindest liebte ihn ein Mädel, wartete eine Mutter daheim auf ihn. Er dachte nicht an die Haiemat, er sah vierundzwanzig Kameraden im Garbenschnitt des Todes. Er hatte selbst sein Schicksal. Er vergaß das Blut, das aus seinem zerrissenen Körper rann. Er war auf der Flucht vor dem Tod. Ja, aber er kehrte um und half erst den Starken. Denn größer als seine Liebe zum Leben war sein Wille zur Kameradschaft. Das alles fühlen die in der Schützenlinie dumpf und deutlich in einem. Sie denken an den einsamen toten Soldaten, den jetzt die Granaten zerfetzen, und sie wissen nun alle, was Kameradschaft ist. Das Schicksal hat Ihnen ihre große, stumme Frage blutig und erhaben beantwortet!
Kameradschaft ist größer als der Tod!
Kameradschaft ist etwas Überirdisches!
Kameradschaft ist stärker als der Tod!
In ihr glüht der Funke der Ewigkeit!
Quelle: Kameradschaft Wesersturm